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Nicolas Eber: Die Blinden und die Tauben oder das Rätsel Mattis Teutsch

Mit der Gemäldeserie der «Seelenblumen»ist Hans Mattis Teutschin den vor ihm noch durch niemanden erreichten und eroberten Gipfel des malerischen Olymps, der Erschaffung des «absoluten» Gemäldes gelangt. Dieser Weg, dessen Stationen, seine stilistische und inhaltliche Entwicklung ist angesichts seiner Werke klar und eindeutig rekonstruierbar und nachvollziehbar. Seine zu diesem Ziel von Stufe zu Stufe entwickelte malerische Sprache ist die allereinfachste, klarste und allgemeinverständlichste.

Umso überraschender ist es, dass nach den vorhandenen Anzeichen die seit der Erschaffung der fraglichen Werke verstrichenen nahezu hundert Jahre weder der Fachwelt noch der Allgemeinheit genügt haben um dies zu verstehen und wahrzunehmen.

Sowohl die Musik wie auch die Malerei – in weiterem Sinne die Künste- sind derart eigene Sprachen, welche in Wörtern zwar erklärbar und interpretierbar, aber schlussendlich nur mittelbar, durch das Hören bzw. Sehen zugänglich sind. Für Taube und Blinde bleiben sie jedoch selbst durch indirekte Mittel letztendlich unerreichbar und unerklärlich. Obwohl sie zweifelsohne auch eine bedeutsame intellektuelle Seite haben, bleiben sie schliesslich und im entscheidenden Masse lediglich nur sensoriell, mittels dem Gehör sowie demSehen erreichbar. Während auf dem Gebiet bzw. in der Geschichte der Musik, des Gehörs,eineParallele dazu kaum bekannt sein dürfte, sehen wir unsauf dem Gebietdes Sehens hier, bezüglich der Gemälde von Hans Mattis Teutsch,miteinemRätselkonfrontiert. Wäre es demnach möglich, dass die gesamte Menschheit – so gut wie ausnahmslos – an einer partiellen Blindheit leidet?

Von einem anderen Lebensgebiet sind die Rolle sowie Funktion des Blindenführers bekannt. Wenn wir es gut bedenken, dann ist sie eine unmögliche Rolle, da zwischen den beiden Beteiligten essentiell der gemeinsame Nenner, aufgrund dessen sie sich wirklich verstehen könnten, fehlt. Der Blindenführer ist bloss dazu fähig, dass er seinen Schützling gegenüber den Gefahren welche aus dessen Blindheit entstehen, schützt, hingegen dazu nicht mehr, dass er ihm die Eigenheiten und Schönheiten der Natur oder von Kunstobjekten wirklich nahebringt. Ähnliches lässt sich auch bezüglich der Beziehung zwischen den Gehörlosenund der Musik feststellen.

Es ist naheliegend, dass bei der Blindheit bzw. Taubheit Abstufungen existieren. Einem vollständig und seit seiner Geburt Tauben ist das Erklären der Kompositionen von Bach, Mozart, Beethoven oder Verdi von vornherein völlig hoffnungslos. Einem bloss partiell, infolge seiner Unbildung in künstlerischer Hinsicht Blinden gegenüber ist die Sichtbarmachung via Verstand und Erklärung hingegen vermutlich nicht aussichtslos. Daher hoffe ich,dasses gelingen wird, die Kunst von Mattis Teutsch und insbesondere seine anthropomorphen Baumdarstellungen und «Seelenblumen» durch eine geeignete Kombination von visuellen und intellektuellen Mitteln so zu erklären, dass sie die verdiente und angemessene Wertschätzung erlangen.

Anscheinend existieren sowohl bezüglich des musikalischen Gehörs wie auch der visuellen Wahrnehmung der bildenden Künste breite Skalen der Wahrnehmungsfähigkeiten, welche für diejenigen welche über die fraglichen Fähigkeiten nicht oder aber nur im beschränkten Masse verfügen sozusagen unerklärlich und unerreichbar sind. Die Angelegenheit dürfte jedoch für die nicht vollkommen Blinden und Tauben nicht ganz hoffnungslos sein, da die entsprechenden Fähigkeitendurch Schulung und Übung entwicklungsfähig sind.

Gemäss dem Kunstkritiker Iván Hevesy gelangte Hans Mattis Teutschmit den Seelenblumen zu dem «reinen bildhaften Bild» zu dem «absoluten Bild», welches nicht mehr «aus dem zu reproduzierenden äusseren oder innerem Thema ausgeht, sondern aus dem Bild selbst».

Die erwähnte partielle Blindheit sowohl der Fachwelt, wie auch des Publikums, welche in der ersten Annäherung als eine Art Erklärung für die bis anhin nicht angemessene und hauptsächlich in internationaler Hinsicht de facto nichtexistierende Anerkennung von Hans Mattis Teutschdienen könnte, ist jedoch nicht der alleinig erscheinende mögliche Grund der fraglichen und aus objektiver Warte unverständlichen Situation. Deren andere mögliche Ursachelässt sich offenbar darin suchen, dass die Beurteilung von Hans Mattis Teutsch aus irgendwelchen Gründen gerade nicht objektiv ist.

Die Vermutung liegt nahe, dass Hans Mattis Teutsch von keiner Nation als ihrwirklich zugehörig betrachtet, anerkannt wird. Von den drei in Frage kommenden – die ungarische, deutsche und rumänische – fällt die rumänischeim Hinblick darauf aus, dass seine Geburtsstadt erst gegen die Mitte seines Lebens Rumänien zugehörig wurde und er – unseres Wissens – die rumänische Sprache auch bis ans Ende seines Lebens nicht richtig beherrschte. Was die deutsche Sprache betrifft, ist die Situationderart,dass sie seine «Muttersprache» und die Sprache seiner Kleinkindheit war und er die ungarische Sprache anscheinend erst später, während seiner Fachausbildung in der Holzgewerbe-Fachschule erlernt hatte. Der Umstand, dass er sowohl seine Gedichte, wie auch kunsttheoretische Schriften ausnahmslos auf Deutsch verfasste, lässt sich hierfür als eindeutiger Beweis betrachten. Die Bedeutung des Ungarischen ergab sich für ihn daraus, dass seine künstlerische Weiterbildung vorerst auf dem ungarischen Sprachgebiet – in Budapest – stattfand, wo er zeitweilig sogar auch eineLehrtätigkeit ausübte und dass sich dort die schicksalhafte Wende seiner künstlerischen Laufbahn, seine Beziehung zu Lajos Kassák und seiner Zeitschrift MA, ereignete.

Lajos Kassák war in ungarischer Beziehung seinerzeit infolge seiner Abstammung und linkspolitischer Einstellung eindeutigeine Art «Outsider», was in seiner nach dem Untergang der «Räterepublik» erfolgten Emigration nach Wien seinen eindeutigen Ausdruck und Bestätigung gewann. Danach wurde die bedeutendste berufliche Verbindung von Mattis Teutschdie Berliner «Der Sturm Galerie» des jüdisch-stämmigen Herwarth Walden, alias Georg Lewin, welcher gegen Ende der 1920-er Jahre, vermutlich wegen der Rechtsverschiebung der Verhältnisse und des sich verstärkenden Antisemitismus in Deutschland, in die Sowjetunion emigrierte und dort unter tragischen Umständen verstarb. Mit anderen Worten waren demnach die beiden wichtigsten Darsteller und Unterstützer der künstlerischen Karriere von Mattis Teutsch ihrerseits Outsider gewesen.

Wie wir es wissen, beendete Hans Mattis Teutschum 1928-29 ohne jeden Übergang und Begründung seine vorangegangene aktive westeuropäische Ausstellungstätigkeit und damit gleichzeitig auch seine kunstschöpferische Tätigkeit und zog sich in seine Geburtsstadt Brasov zurück, wo er bis zum Ende seines Lebens seineUnterrichtstätigkeit fortsetzte. Dessen eindeutiger Beweis, dass dieser radikale Schritt in erster Linie politische Gründe hatte,liegtm.E. darin, dass er 1945, nach Ende des II. Weltkrieges und der damit einhergegangenen politischen Linkswende,seine Kunstmalertätigkeit erneut aufnahm und bis ans Ende seines Lebens, d.h. bis 1960, fortsetzte.

Nach meiner Ansicht liefern die obigen Zeilen eine logische und überzeugende Erklärung für ein bis anhin vollständig unerklärtes Phänomen und Wende im Falle eines Künstlers von grosser und epochaler Bedeutung. Sie werden hoffentlich zu seiner gebührenden wenn auch reichlich verspäteten Anerkennung führen. Diesem Ziel sollen auch die hier weiter unten gezeigten Gemälde-Reproduktionen dienen.

Nicolas Eber/ ebnic@sunrise.ch

C:\Users\miki\Desktop\MT Frühsommer 200dpi.jpg

Frühlingsanfang – Mann, Junge und 4 Mädchen in der Gestalt von anthropomorphen Bäumen, ca.1917, Öl / Karton, 50 x 60 cm

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Empfindungen, ca. 1920, Öl / Karton, 29 x 36 cm

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Seelenblumen, blau, ca. 1922, Öl / Karton               Seelenblumen, gelb, ca. 1922, Öl / Karton

36 x 29 cm                                                                            36 x 29 cm

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